Daoistischer Schamanismus ·
Wu, Innere Alchemie, Unsterbliche
Der Daoismus ist keine Philosophie allein. Er beginnt als Schamanismus der Wu · entfaltet sich in innere Alchemie · und führt zu den Unsterblichen, die niemals starben.

Im Westen ist der Daoismus oft auf das Daodejing reduziert – das kleine Buch mit 81 Kapiteln, das Laozi zugeschrieben wird. Das ist nicht falsch, aber es ist nur ein kleiner Teil. Der Daoismus als lebendige Tradition hat eine Breite, die das philosophische Büchlein nicht abbildet. Er reicht vom vorhistorischen Schamanismus der Wu über die innere Alchemie (Neidan) bis zu den Xian, den Unsterblichen, die niemals gestorben sind. Wer den Daoismus nur als Philosophie kennt, hat die Religion und den Schamanismus, die in ihm leben, noch nicht berührt.
Dieser Artikel gibt eine Übersicht zum Thema Daoismus bei Shamanic Worlds. Er zeichnet die Landkarte der schamanisch-daoistischen Tradition und verweist auf die einzelnen Spokes.
Die Wu · die ältesten Schamanen Chinas
Vor dem Dao war die Wu. Die Wu (巫) sind die ältesten spirituellen Praktizierenden Chinas. Bereits in der Shang-Dynastie (ca. 1600-1046 v.Chr.) sind Schamanen dokumentiert, die mit den Ahnen kommunizierten, Orakel mit Schildkrötenpanzern deuteten, Tänze vollzogen, Geister riefen. Diese Wu waren Vorläufer dessen, was später als Daoismus systematisiert wurde.
Das chinesische Zeichen für Wu (巫) ist bezeichnend: es zeigt zwei Figuren, die sich unter einem Himmel-Erde-Achse begegnen. Es ist das gleiche Zeichen, das in Japan als fu oder miko weiterlebt – und das in der Shamanic-Worlds-Marke als Logo-Kanji gewählt wurde. Siehe dazu den Spoke „Die Wu · Schamanen im alten China".
Die Entstehung des Daoismus
Der Daoismus als organisierte Bewegung entstand um das 2. Jahrhundert nach Christus, mit der Himmelsmeister-Schule (Tianshi Dao) des Zhang Daoling. Dieser Mann kombinierte ältere Wu-Praktiken mit der philosophischen Sprache von Laozi und Zhuangzi und schuf eine Religion, die Rituale, Hierarchien, Texte und Praktiken umfasste. Aus diesem Keim entwickelten sich über die Jahrhunderte zahlreiche daoistische Schulen.
Das Wichtigste für das schamanische Verständnis: der Daoismus ist in seinem Kern eine rituelle Religion, keine philosophische Schule. Die Texte wie das Daodejing oder das Zhuangzi sind wichtig, aber sie sind nicht das Zentrum. Das Zentrum sind die Rituale, die Praktiken, die Begegnungen mit den Göttern und Geistern, die in dieser Tradition lebendig sind.
Der Daoismus, den der Westen kennt, ist meist eine Lese-Tradition. Der Daoismus, der in China noch lebt, ist eine Übungs-Tradition. Der Unterschied ist größer, als er klingt.
Die drei großen Praxisströme
Der daoistisch-schamanische Zugang entfaltet sich in drei großen Praxisströmen, die miteinander verzahnt sind:
Die Innere Alchemie (Neidan)
Der vielleicht wichtigste Strom für den schamanischen Zugang. Neidan (內丹) bedeutet „innere Pille" und bezeichnet die Arbeit am eigenen Körper-Geist-System, um die „drei Schätze" Jing (Essenz), Qi (Lebenskraft) und Shen (Geist) zu kultivieren und ineinander zu verwandeln. Die klassische Formel lautet: Jing wird zu Qi, Qi wird zu Shen, Shen kehrt zurück zur Leere. Siehe den Spoke „Innere Alchemie · Jing, Qi, Shen".
Die Fu-Talismanschrift
Fu (符) sind daoistische Talismane – oft auf gelbem Papier mit roter oder schwarzer Tinte geschrieben, mit rituellen Zeichen, die keine normalen chinesischen Schriftzeichen sind. Ein Fu wird von einem Priester oder Schamanen hergestellt, geweiht und dann verwendet: verbrannt und die Asche getrunken, an einer Tür angebracht, in einer Öffnung eingeschlossen. Siehe den Spoke „Fu-Talismane · daoistische Schriftmagie".
Die Götter-Anrufung
Der Daoismus hat ein riesiges Pantheon – vom Jadekaiser an der Spitze bis zu zahllosen lokalen Gottheiten, Bergwesen, Fluss-Göttern. In Ritualen werden sie gerufen, als Unterstützung gebeten, um Gefallen geboten. Die Struktur ähnelt in mancher Hinsicht der himmlischen Bürokratie eines Kaiserreichs – was kein Zufall ist, der religiöse Daoismus entwickelte sich parallel zum Staatsapparat.
Die Acht Unsterblichen
Eine der bekanntesten Figurengruppen der daoistischen Mythologie sind die Baxian – die Acht Unsterblichen. Jeder von ihnen ist eine historische oder legendäre Person, die durch Praxis Unsterblichkeit erreicht hat. Sie verkörpern jeweils einen anderen Aspekt dessen, was daoistische Arbeit erreichen kann: der Asket, der Heilkünstler, der Trunkenbold mit Weisheit, die weibliche Weise, und so weiter. Siehe den Spoke „Die acht Unsterblichen · Baxian".
Die heiligen Berge
Wie in Japan haben auch in China Berge eine zentrale spirituelle Rolle. Die „fünf heiligen Berge des Daoismus" – Hua Shan im Westen, Tai Shan im Osten, Heng Shan im Süden, Heng Shan im Norden (unterschiedliche Schriftzeichen), Song Shan in der Mitte – sind seit Jahrtausenden Orte der Praxis. Der Berg Wudang (武當山) ist besonders mit dem Taijiquan und dem inneren Kampfkunst-Strom verbunden.
Was den daoistischen Schamanismus auszeichnet
Im Vergleich zu anderen schamanischen Traditionen hat der Daoismus einige Besonderheiten:
- Körper-Zentrierung · der eigene Körper ist das Laboratorium · keine externe Werkzeuge nötig
- Schrift als Magie · Fu-Talismane nutzen das geschriebene Wort als kraftvolle Geste
- Die Vielfalt der Praxis · vom meditativen Neidan bis zur lauten Exorzismus-Zeremonie
- Die Durchlässigkeit · klare Trennungen zwischen „religiös" und „magisch" gibt es nicht
- Die Verbundenheit mit der Natur · Landschaft, Berge, Flüsse sind nicht Hintergrund, sondern Mitspieler
Die Verbindung zu anderen Traditionen
Der Daoismus hat tiefe Verbindungen zu mehreren anderen Linien, die bei Shamanic Worlds eine Rolle spielen:
Zum Shugendo. Die japanischen Bergasketen haben daoistische Elemente aufgenommen · siehe Shugendo und die Yamabushi.
Zum Onmyodo. Das japanische Yin-Yang-System ist daoistisch im Kern · siehe Onmyodo · Weg von Yin und Yang.
Zum Kuji Kiri. Die neun Silben stammen aus dem daoistischen Baopuzi · siehe Kuji Kiri im schamanischen Kontext.
Zu Bagua, Taichi, Qigong. Diese Körperkünste sind daoistisch begründet · siehe Bagua Zhang, Taichi, Qigong.
Daoistischer Schamanismus bei Shamanic Worlds
Bei Shamanic Worlds ist der Daoismus einer der fünf großen Stränge. Mark Hosak hat als promovierter Kunsthistoriker für Ostasien einen akademisch fundierten Zugang. Eileen Wiesmann hat daoistisches Ritual in japanischer Volksmagie als Forschungsschwerpunkt. Gemeinsam führen sie in die Praxis-Aspekte des Daoismus ein, die für westliche Praktizierende zugänglich und tragfähig sind.
Der Schwerpunkt liegt auf der Inneren Alchemie, der Körperarbeit (Qigong, Bagua-Elemente), der Fu-Praxis in einer adaptierten Form, und der Beziehung zu bestimmten daoistischen Gottheiten. Kein Teil der chinesischen Kulturszene wird imitiert – es geht um die inneren Strukturen, die sich in einem westlichen Praxiskontext lebendig halten lassen.
„Die Arbeit am Dantian in der Qigong-Praxis · zunächst abstrakt, nach Monaten eine konkrete Erfahrung. Der Körper wird anders, wenn man dort sammelt."
Individuelle Erfahrung. Ergebnisse können variieren.
Den daoistischen Strang gehen
Der Daoismus ist einer der fünf großen Stränge im Wolfs-Schamanen Meisterweg. Die Einweihungen geschehen in Live-Events.