Daoismus · Kampfkunst20. April 2026 · 8 Min Lesezeit

Bagua Zhang · der Kreis als
schamanische Kampfkunst

Wer Bagua als chinesische Selbstverteidigung beschreibt, hat die ersten zwei Drittel davon nicht gesehen. Der Kreis ist nicht Dekoration. Er ist die ganze Praxis.

Bagua Zhang Daoistisch · schamanische Praxis nach Dr. Mark Hosak
Bagua Zhang Daoistisch · schamanische Tradition

Bagua Zhang heißt wörtlich „Acht-Trigramme-Handfläche". Der Name weist direkt in den daoistischen Raum: die acht Trigramme sind die Grundzeichen des Yijing, des Buches der Wandlungen, der ältesten Orakel-Schrift Chinas. Wer Bagua übt, übt nicht eine Kampftechnik, die zufällig nach Trigrammen benannt ist. Er übt eine Körpermethode, in der die kosmische Ordnung des Yijing in jeden Schritt hineingebaut ist.

Dieser Artikel ist ein Spoke zum Hub „Der spirituelle Krieger im Schamanismus". Er beschreibt Bagua Zhang so, wie es in der daoistisch-schamanischen Linie verstanden wird – als Praxis, die den Menschen in das Zentrum einer kosmischen Geometrie stellt und ihn von dort aus lehrt, sich in der Welt zu bewegen.

Die Legende der daoistischen Bergbewohner

Die historisch fassbare Gestalt hinter Bagua Zhang ist Dong Haichuan (1797–1882), ein Meister aus der späten Qing-Zeit. Er selbst führte seine Kunst auf daoistische Mönche zurück, die er in den Bergen getroffen hatte – Bergbewohner, die im Kreis gingen, um ihre eigenen Körper-Meditationen zu kultivieren. Das ist wichtig: die Kampfkunst ist nicht die Wurzel, sondern die Anwendung. Die Wurzel ist daoistische, schamanisch geprägte Körper-Praxis.

Im Daoismus hat das Gehen im Kreis eine sehr alte Tradition. Die Yubu, der „Schritt des Yu", geht auf die mythische Figur des Großen Yu zurück, der als Archetyp des schamanischen Wasserbändigers gilt. Wer den Yubu geht, folgt einem rituellen Muster, das den Praktizierenden mit den Sternen verbindet. Bagua Zhang trägt diese Spur in seiner DNA.

Der Kreis als kosmische Geometrie

Wer Bagua Zhang praktiziert, geht um ein imaginäres Zentrum. Das Zentrum ist der Praktizierende selbst – gleichzeitig innen und außen. Der Kreis hat acht Positionen, die den acht Trigrammen entsprechen. Jede Position trägt eine energetische Signatur:

  • Qian (Himmel) · schöpferisch, ausgreifend
  • Kun (Erde) · empfangend, tragend
  • Zhen (Donner) · ausbrechend, erschütternd
  • Xun (Wind) · durchdringend, sanft
  • Kan (Wasser) · tief, fließend, gefährlich
  • Li (Feuer) · klar, strahlend, verzehrend
  • Gen (Berg) · still, haltend, unbewegt
  • Dui (See) · offen, freudig, aufnehmend

Diese Qualitäten sind nicht nur Symbolik. Im geübten Bagua-Körper werden sie als unterschiedliche Bewegungsqualitäten und innere Zustände spürbar. Wer den Wasser-Schritt geht, fühlt anders als wer den Feuer-Schritt geht. Über Monate und Jahre lernt der Praktizierende, auf Anfrage in jede der acht Qualitäten einzutauchen.

Im Bagua ist der Gegner kein Problem, das gelöst werden muss. Der Gegner ist der achte Punkt einer Geometrie, die man schon kennt. Man weiß, wo man steht. Das genügt.

Bagua als schamanische Praxis

Im schamanisch gelesenen Daoismus ist Bagua eine Technik der Entrückung. Das lange, rhythmische Gehen im Kreis führt nach einiger Zeit in einen veränderten Bewusstseinszustand – vergleichbar mit dem, was Trommeln oder bestimmte Atemtechniken bewirken. Der Kopf wird ruhig, die Wahrnehmung weitet sich, der Körper bewegt sich wie von selbst.

In diesem Zustand ist der Bagua-Praktizierende nicht mehr nur ein Mensch, der übt. Er ist zu einem Mittelpunkt geworden – zu einem Ort, durch den etwas hindurchfließt. Das ist die eigentliche schamanische Funktion dieser Praxis. Die Kampftechniken, die sich aus Bagua ableiten lassen, sind die Anwendung dieser Wachheit in einer Begegnung mit einem Gegenüber.

Die drei Ebenen der Bagua-Übung

Wer Bagua ernsthaft praktiziert, arbeitet auf drei Ebenen gleichzeitig:

Körperliche Ebene

Der Körper lernt, sich im Kreis zu drehen, ohne die Achse zu verlieren. Die Hüfte bleibt ausgerichtet, während die Schultern drehen. Die Hände malen Muster in die Luft, die den acht Trigrammen entsprechen. Das alleine ist ein Trainingsprogramm, das Monate braucht, bis es im Körper ist.

Energetische Ebene

Während der Praxis sammelt sich Qi im Dantian, dem unteren Energiezentrum, und zirkuliert durch die Meridiane. Der erfahrene Praktizierende steuert diese Zirkulation bewusst. Die unterschiedlichen Trigramm-Qualitäten wirken auf unterschiedliche Organ-Systeme.

Geistige Ebene

Der Geist tritt allmählich aus der Alltags-Beschäftigung heraus. Nach einiger Zeit kann ein Zustand erreicht werden, in dem keine inneren Kommentare mehr laufen – nur noch das Gehen, das Atmen, die Aufmerksamkeit auf den Kreis. In diesem Zustand kann die Praxis in ein schamanisches Arbeiten übergehen.

Bagua in der Shamanic-Worlds-Praxis

Bei Shamanic Worlds ist Bagua eine der Säulen des daoistisch-schamanischen Stranges. Es wird nicht als eigenständige Kampfkunst führt ein – dafür gibt es Dōjōs und Schulen mit entsprechender Spezialisierung. Bei uns steht Bagua im Kontext der schamanischen Praxis: als Körperarbeit, die den Praktizierenden in ein spezifisches Bewusstseins- und Energie-Feld führt, aus dem heraus andere schamanische Arbeiten möglich werden.

Das passt zu unserem generellen Zugang: die Kampfkunst ist nie Selbstzweck. Sie ist ein Werkzeug, um den Menschen in eine Tiefe zu bringen, aus der heraus er lebendiger lebt – und klarer entscheidet, was er tut.

Bagua und die daoistische Praxis

Bagua wird in den Live-Events im Kontext des Meisterwegs berührt. Die tiefere Arbeit mit dem Kreis geschieht über längere Zeit in der Begleitung.

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Dr. Mark Hosak

Bagua-Zhang-Praktiker · Wolfs-Schamane · Ninjutsu-Großmeister

Über 25 Jahre Praxis in daoistisch-schamanischen Körpertechniken · Forschung in China und Japan.

Eileen Wiesmann

Historikerin M.A. · Schamanin · Mentorin

Religionshistorikerin mit Schwerpunkt Daoistisches Ritual · 7 Jahre Shingon-Reiki-Praxis.